Managementplan

(Auszug aus dem Managementplan 2016)

Ausgangslage

Die Kernzone des «UNESCO Biosphärenreservat/Reservat da Biosfera Engiadina Val Müstair» (UNESCO RBEVM) besteht aus dem Schweizerischen Nationalpark (SNP) oder Parc Naziunal Svizzer. An den Nationalpark grenzt die Val Müstair. In der Val Müstair wurde 2011 offiziell der Betrieb des regionalen Naturparks Val Müstair (Biosfera Val Müstair BVM - Naturpark von nationaler Bedeutung) aufgenommen. Dieser entspricht der heutigen Pflege- und Entwicklungszone. Gemeinsam bilden der Schweizerische Nationalpark und der regionale Naturpark Val Müstair das UNESCO Reservat da Biosfera Engiadina Val Müstair (UNESCO RBEVM).

Weil das UNESCO RBEVM nicht gänzlich der UNESCO Sevilla-Strategie von 1995 entspricht, verlangt die UNESCO eine Vervollständigung der Pflegezone und einen integralen Managementplan für das gesamte Biosphärenreservat. Zudem empfiehlt sie, den Erweiterungsprozess weiterzuführen, indem die lokalen Gemeinwesen des Engadins in die Entwicklungszone einbezogen werden.

Auf dem Weg zur Etablierung des UNESCO RBEVM steht die Erweiterung der noch fehlenden Pflege- und Entwicklungszone auf dem Gebiet der Engadiner Gemeinde Scuol im Vordergrund. Die Erweiterung im Engadin wird zwischen den drei Partnern vertraglich geregelt. Der Vertrag ist Bestandteil dieses Managementplans und in den Beilagen zu finden. Die Gemeinde Scuol ist ein neuer gleichberechtigter Partner innerhalb des UNESCO RBEVM.

Naturwerte

Das Gebiet des UNESCO RBEVM zeichnet sich durch vielfältige Natur- und Kulturwerte aus. Das kontinentale Klima prägt die natürlichen Lebensräume in der Kernzone. Die Kernzone des Biosphärenreservats schliesst auch wertvolle Gewässerhabitate mit ein. Da es praktisch keine Siedlungen gibt, sind die Lebensräume in der Kernzone allgemein sehr gut miteinander vernetzt. Die Pflege- und Entwicklungszone setzt sich aus einem Mosaik unterschiedlichster Lebensraumtypen zusammen. Sowohl die Val Müstair als auch die Engadiner Pflegezone sind geprägt von naturnahen Kulturlandschaften. Die Lebensräume in der Val Müstair sind dank den durchgehend bewaldeten Nordhängen, den reich strukturierten Südhängen des Tales und dem noch vollständig naturbelassenen Rombach mit vielen anschliessenden Flachmooren im Talboden, sehr gut miteinander vernetzt. Im UNESCO RBEVM sind überdurchschnittlich viele seltene Arten anzutreffen. In Bezug auf die Vielfalt von Pflanzen- und Tierarten gehört das Biosphärenreservat zu den artenreichsten Regionen der Schweiz und Europas.

Kulturwerte

Die Val Müstair und das Gebiet des Schweizerischen Nationalparks bilden kulturgeographisch seit prähistorischer Zeit eine Einheit mit dem Engadin. Die Kultur und die zahlreichen Kulturgüter des Engadins und der Val Müstair gelten als rätisch geprägt. Sprachlich und architektonisch fällt die enge Verbundenheit zwischen dem Engadin und der Val Müstair auf. Für die Entwicklung der Val Müstair entscheidend war die Gründung des Klosters St. Johann in Müstair, das heute zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Im UNESCO RBEVM wird mehrheitlich rätoromanisch gesprochen. Die rätoromanische Sprache im Kanton Graubünden lässt sich in fünf Gruppen, Idiome, gliedern. Dabei gehört das Romanische der Val Müstair zum Idiom Vallader, in der Dialektvariante Jauer.

Wirtschaft

Die Landwirtschaft prägt bis heute die Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur in der gegenwärtigen Pflege- und Entwicklungszone des UNESCO RBEVM. Im Jahr 2012 sind in den statistischen Angaben des Kantons Graubünden 54 Betriebe und 75 Vollzeitäquivalente in der Val Müstair im ersten Sektor zu verzeichnen. Rund 80% der Landwirtschaftsbetriebe in der Val Müstair produzieren nach biologischen Richtlinien. Im zweiten Sektor sind 37 Betriebe und 273 Vollzeitäquivalente registriert. Im Dienstleistungssektor sind 2008 150 Arbeitsstätten und 458 Vollzeitäquivalente gezählt worden. Im ersten und zweiten Sektor konnte in den Jahren 2001 – 2008 ein Rückgang der Vollzeitäquivalente von -22.5% im Primärsektor und von -9.2% im Sekundärsektor festgestellt werden. Allein der Tertiärsektor konnte eine Zunahme um 7.6% der Vollzeitäquivalente aufweisen. Für die Val Müstair und die Engadiner Gemeinden der Pflege- und Entwicklungszone ist auch der Tourismus ein sehr bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Markt und Positionierung

Der Schweizerische Nationalpark, welcher die Kernzone bildet, ist schon seit langem ein wichtiges Reiseziel und zieht zahlreiche Gäste an. Auch der regionale Naturpark Val Müstair, welcher die Pflege- und Entwicklungszone umfasst, hat sich in den letzten Jahren zunehmend touristisch positioniert. Der natur- und kulturnahe Tourismus spielt bei der Förderung einer nachhaltigen Regionalentwicklung eine zentrale, branchenübergreifende Rolle. Durch die Errichtung des UNESCO RBEVM ergeben sich in der Angebotsentwicklung und in der Produktgestaltung weitere Chancen für die neue Pflege- und Entwicklungszone im Engadin.

Trägerschaft

Träger des UNESCO RBEVM sind der Schweizerische Nationalpark, die Gemeinde Val Müstair resp. der Regionale Naturpark sowie die Gemeinde Scuol. In der Kooperationsvereinbarung vom Dezember 2015 ist der Cussagl dal Reservat da Biosfera (UNESCO Biosphärenreservatsrat) als strategisches und oberstes Organdes UNESCO RBEVM bestimmt. Im Biosphärenreservatsrat sind Vertreter der Pflege- und Entwicklungszone und Vertreter der Kernzone vertreten. Entscheidungen werden einvernehmlich getroffen. Der Biosphärenreservatsrat ist verantwortlich für Fragen und Geschäfte, die das UNESCO Biosphärenreservat als Ganzes betreffen. Er stellt die Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen der Kern- und den Verantwortlichen der Pflege- und Entwicklungszone sicher. Die Leitung der operativen Geschäfte des Biosphärenreservatsrats liegt bei der Geschäftsstelle, sie ist beim  Schweizerischen Nationalpark angegliedert. Die Geschäftsstelle des UNESCO RBEVM arbeitet eng mit den Verantwortlichen für die Kernzone und den Zuständigen für die Pflege- und Entwicklungszone zusammen. Die drei Partner – der Schweizerische Nationalpark, der regionale Naturpark Val Müstair (Biosfera Val Müstair) und die Gemeinde Scuol – bilden zusammen das UNESCO RBEVM. Dieser Zusammenschluss beinhaltet vor allem die strategische Koordination des UNESCO RBEVM. Daneben bleiben die drei Partner aufgrund ihrer unterschiedlichen Aufgaben für die Kern- bzw. Pflege- und Entwicklungszone weitgehend unabhängig, zumal sie auch auf unterschiedlichen Rechtsgrundlagen basieren und über verschiedene Wege finanziert werden.

Neue Pflege- und Entwicklungszone Engadin

Die Ergänzung der Pflege- und Entwicklungszone auf der Engadiner Seite der Kernzone des UNESCO RBEVM ist mit der Gemeinde Scuol, mit dem Schweizerischen Nationalpark und mit der Biosfera Val Müstair vertraglich geregelt. Der Kooperationsvertrag definiert die Zusammenarbeit im Cussagl dal Reservat da Biosfera. Dabei wird auf den bisherigen Erfahrungen aufgebaut und die bestehenden Organisationsstrukturen beibehalten.

Ziele und Massnahmen
Für die Erweiterung der Pflege- und Entwicklungszone auf der Engadiner Seite wurden folgende strategische Ziele definiert (abgestimmt mit den Zielen des Schweizerischen Nationalparks und der Biosfera Val Müstair):

  1. Biodiversität und Landschaft: Bewahrung und Aufwertung von Natur und Landschaft
  2. Nachhaltige Wirtschaft: Förderung des natur- und kulturnahen Tourismus / Förderung lokaler Produkte, Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten
  3. Umweltbildung und Sensibilisierung: Sensibilisierung für Besonderheiten des UNESCO RBEVM / Förderung der Umweltbildung, insbesondere für Familien, Schulen und Firmen
  4. Management und Kommunikation: Zusammenarbeit und Koordination Pflege- und Entwicklungszone Engadin mit dem Schweizerischen Nationalpark und Biosfera Val Müstair / Aufbau einer eigenen, effizienten Trägerschaft und Managementorganisation / Zusammenarbeit mit den bestehenden Tourismusorganisationen