Der Nationalpark vor 500 Jahren: Pochende Hämmer, fauchende Bälge, rauchende Öfen

Vortragsreihe NATURAMA 2011

Naturama-Vortrag vom Mittwoch, 28. September 2011, 20.30 Uhr

Referent: Dr. Daniel Schläpfer, Bergbauforscher, Wiesendangen

Wo heute der Motorenlärm der Ofenpassstrasse die Stille des Nationalparks stört, gelangten fünf Jahrhunderte früher andere Geräusche ans Ohr der Wanderer, Säumer und Ochsenführer. Der Holzreichtum, die bereits damals gute Verkehrslage und die Wasserkraft zogen das Eisengewerbe in die Val dal Fuorn. Dieses Gewerbe überlebte auch nach der Erschöpfung der örtlichen Eisenerzvorkommen. Über diesen Betrieb im 16. Jahrhundert sind wir Dank einer reichen schriftlichen Dokumentation am besten unterrichtet.
Die Bergbaugeschichte am Pass dal Fuorn reicht aber weiter zurück, bis 1332, als Conrad Planta durch Heinrich von Böhmen, Graf von Tirol, mit dem Bergwerk Valdera (Buffalora) belehnt wurde. Zeugen aus dem 14. und 15. Jahrhundert sind die eindrücklichen Spuren in der Landschaft, vor allem die rund 90 Stollen und Halden am Munt Buffalora. Altersbestimmungen an Grubenholz nach der Baumringmethode (M. Schreiber, Domat/Ems; ADGR, Chur) und die Erschliessung weiterer Stollen (Amis da las minieras Val Müstair) ersetzen heute glücklicherweise die fast fehlende schriftliche Dokumentation. Die wenigen erhaltenen Dokumente sind fast ausschliesslich politisch-rechtlicher Natur. Dabei geht es um einen sich über Jahrzehnte hinziehenden Streit zwischen der Grafschaft Tirol und dem Fürstbistum Chur. Der Engadinerkrieg 1499 und die Erschöpfung der älteren Erzvorkommen fallen zeitlich zusammen.
Im 16. Jahrhundert beginnt für unsere Region bald eine neue wirtschaftliche Blütezeit. Durch die Eroberung des Veltlins und der Grafschaften Bormio und Chiavenna 1512 und damit der direkten Verbindung der Bünde mit der Republik Venedig entstehen grenzübergreifende Verflechtungen. Seit dem 13. Jahrhundert hatte in den eisenreichen Bergtälern der Bergamasker Alpen der epochale Wandel vom uralten Rennofen zum frühen Hochofen stattgefunden. Diese Technik, getragen von lombardischen Einwanderern, hielt schon vor 1500 Einzug am Pass dal Fuorn: Minenbesitzer aus der Gegend von Brescia auf Buffalora; ein Eisenunternehmer aus Bormio in la Drossa; später weitere Unternehmer aus Bormio und ganze lombardische Belegschaften unter einem mastro del forno aus der Bergamasca. Aus den erhaltenen Unternehmerakten von Joh. v. Salis (Samedan) lässt sich der Betrieb der Eisenhütten Il Fuorn/La Drossa mit ihren inneren und äusseren Beziehungen bis in alle Einzelheiten beschreiben.

Die Vorträge finden jeweils am Mittwoch um 20.30 Uhr im Auditorium Schlossstall
neben dem Schloss Planta-Wildenberg in Zernez statt.