Die Wiederansiedlung der Bartgeier im Alpenraum – eine Erfolgsgeschichte

Vor 30 Jahren:
Erste Wiederansiedlung von Bartgeiern im Schweizerischen Nationalpark
 

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Reto Strimer, seit 1.8.1992 Parkwächter im Schweizerischen Nationalpark (SNP) erinnert sich:

Obwohl am 5. Juni 1991 noch nicht als Parkwächter angestellt, war ich schon bei der ersten Bartgeieraussetzung mit dabei. Dass der Bartgeier auch im Engadin wieder heimisch werden sollte, faszinierte mich sofort. Bereits1986 waren im Rauriser Krumltal in den Hohen Tauern die ersten Jungvögel im Rahmen des internationalen Bartgeierprojektes ausgesetzt worden. In vier Gebieten entlang des Alpenbogens wollten die Verantwortlichen künftig Tiere freilassen. Dass eines dieser vier Gebiete des SNP war, empfand ich als einen besonderen Glücksfall. Ziel war es, den Bartgeier wieder fest in den Alpen anzusiedeln.

Hast du damals daran geglaubt, dass der Bartgeier eines Tages definitiv wieder in die Alpen zurückkehren würde?

Gewisse Bedenken hatte ich schon. Im Nationalpark Hohe Tauern gab es anfänglich einige Rückschläge. Allerdings konnten wir in der Schweiz von den in Österreich bereits gemachten Erfahrungen profitieren. Zudem war das Projekt bei uns durch vielfältige Kommunikationsmassnahmen in der Bevölkerung des Kantons Graubünden aber auch der übrigen Schweiz breit abgestützt. Auch die Gemeinden im Engadin waren positiv eingestellt und hatten ihr Einverständnis ausdrücklich bekundet. Und dann war die Begeisterung des damaligen Nationalparkdirektors Klaus Robin absolut greifbar und hatte ansteckende Wirkung.

Wer hatte sich am Aussetzungstag vor dem Nationalparkhaus in Zernez eingefunden und wie war die Stimmung?

Am besagten Tag hatte sich eine grosse Menschenmenge und etliche Medienschaffende vor dem alten Nationalparkhaus in Zernez versammelt. Neben meinen künftigen Parkwächterkollegen war Parkdirektor Klaus Robin, der Stiftungsratspräsident der Gesellschaft zur Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Schweizer Alpen (später in Stiftung Pro Bartgeier umbenannt) a. Regierungsrat Luzi Bärtsch und deren Geschäftsführer, der Zernezer Chasper Buchli, auf dem Platz.
Auch der Jungvogel namens «Margunet» aus dem Berliner Zoo war bereits eingetroffen. Nur die beiden Vögel aus Wien liessen auf sich warten. Die Zollformalitäten an der Grenze in Martina zogen sich in die Länge. Als sie endlich ankamen, mussten erst noch ein Teil ihrer Federn mit Wasserstoffsuperoxid gebleicht werden. Dank des individuellen Musters liessen sich die Vögel, wenn sie einmal fliegen würden, vom Boden aus einwandfrei bestimmen. Diese so einfache wie geniale Methode hat allerdings den Nachteil, dass das Muster nach der Mauser im dritten Lebensjahr nicht mehr erkennbar ist. Aktuell werden für das Monitoring Satellitensender eingesetzt.
Nach mehreren Ansprachen, Grussworten und Fotostrecken setzten sich Postautos und Dienstfahrzeuge schliesslich in Richtung Nationalpark in Bewegung.

 

 

 

Wie ging es dann weiter?

Beim Parkplatz 9, den es damals noch gab, wurden die drei Bartgeier auf mit Strohsäcken gepolsterte Tragräfs gebettet. Dann ging es zu Fuss in Richtung Alp Stabelchod. Hier folgte die erste Pause und ein weiterer Fototermin. Es herrschte eigentliche Volksfeststimmung. Um die Vögel nicht zu sehr zu beunruhigen, ging es aber bald in Richtung Rastplatz Val da Stabelchod weiter. Damals führte der Weg noch durch die eindrucksvolle Schlucht. Zwei Kehren oberhalb des Rastplatzes musste der Begleitross dann definitiv zurückbleiben. Nur die Parkwächter und ein Projektmitarbeiter durften noch bis zum unzugänglichen, weit abseits des Weges gelegenen, in einer Felsnische eingerichteten Horst weitersteigen. Dazu musste eine breite Geröllhalde gequert und ein steiler Schlusshang erstiegen werden.

 

Wie oft durftest du zwischen 1992 und 2007 einen Bartgeier in den Horst tragen?

Insgesamt hatte ich neunmal die Ehre, einen Bartgeier hinauf in die Freiheit zu transportieren. Jedes Tier erhielt jeweils einen Namen. Ich kann mich noch an alle erinnern. Natürlich wurde unter den Parkwächtern von Jahr zu Jahr mit dem Tragen abgewechselt. 1995 gab es mangels geeigneter Jungvögel in den Zuchtstationen keine Aussetzung im SNP. 2002, 2004 und 2006 erfolgten statt im SNP im Martelltal im benachbarten Nationalpark Stilfserjoch Freilassungen. Selbstverständlich waren wir auch an diesen Veranstaltungen als willkommene Gäste mit dabei.

 

 

Anfänglich waren es offene Tragräfs, später grosse, sperrige geschlossene Kisten. Wie war es, damit unterwegs zu sein?

Um die Vögel nicht unnötigem Stress auszusetzen, wurde beschlossen, die Tragräfs gegen Kisten auszutauschen. Obwohl die Kisten rein optisch als gross und unhandlich erschienen, waren sie zum Glück nicht so schwer, wie sie aussahen.

 

In der künstlich angelegten Horstnische habt ihr die Bartgeier in den ersten Wochen noch gefüttert. Wie liefen diese Aktionen jeweils ab? Wie reagierten die Bartgeier, wenn ihr in ihre Nähe kamt und wie war der Geruch in der Umgebung des Horstes?

Bereits vor den Aussetzungen hatten wir in einer kleinen, kühlen Nebenhöhle des Bartgeierhorstes, die quasi als Kühlschrank diente, ein Depot mit Kadavern angelegt. Da die Bartgeier Anfang Juni im Aussetzungsalter von ca. 90 Tagen noch nicht flügge waren, mussten wir bis zu deren Ausfliegen die Verpflegung sicherstellen. Wichtig war, dass die Bereitstellung des Futters jeweils speditiv erfolgte, denn die Vögel sollten sich nicht an unsere Anwesenheit gewöhnen. Da der gesammelte Kadaver natürlich mit der Zeit immer übler stank, wurde auch wiederholt Füchse und 2005 sogar der erste wieder eingewanderte Bär angelockt. Zwischendurch legten wir auch frisches Fleisch aus, damit die Bartgeier ihren Flüssigkeitsbedarf decken konnten.

Von der Villa Teresa, der Bartgeierbeobachtungshütte, habt ihr die Bartgeier Tag und Nacht bewacht.

Anfänglich verfügten wir nur über eine sehr kleine und improvisierte Beobachtungshütte. Die komfortablere Villa Teresa, benannt nach einer Helferin, die auch viele Beobachtungstage in der Hütte verbrachte, wurde erst 2003 eingeweiht. Die Jungvögel mussten Tag und Nacht in zwei Zwölfstundenschichten bewacht werden. Dafür waren wir sogar mit einer Pistole bewaffnet. Einerseits kostete so ein Geier – wenn man den ganzen Aufwand für Zucht und Überwachung einrechnet – einige 10'000 Franken, andererseits wollte man auch die Entwicklung genau verfolgen. So haben wir alles minuziös protokolliert, was die Tiere den lieben langen Tag angestellt haben, wann sie sich wo gekratzt und wann sie ihre Federn geputzt haben. Nachts reagierte eine Lichtschranke mit einem bis in die Hütte reichenden Alarmsystem auf Bewegungen beim Bartgeierhorst.

 

Kannst du dich an besondere Vorkommnisse erinnern?

Einmal ist ein Bartgeier aus dem Horst gefallen und purzelte den steilen Abhang hinunter. Glücklicherweise hat er sich dabei nicht verletzt und er konnte wieder in den Horst zurück transportiert werden.
Im Jahre 2000 breitete «Louis» nach einem Streit mit «Christelle» die Flügel aus und hob plötzlich vom Boden ab, und das im Alter von nur 106 Tagen. Nach einer halsbrecherischen Landung am Gegenhang, stieg der verdatterte Frühausflieger am nächsten Tag ca. 300 Höhenmeter zu Fuss auf um dann endgültig seine Fluglaufbahn zu beginnen.
Die längste Nestlingszeit dauerte 130 Tage. Auch nach dem Ausfliegen kehrten die Geier noch oft zum Horst zurück, um sich am immer noch ausgelegten Futter zu stärken.
Ein weiteres interessantes Detail ist, dass «Moische», die zu den ersten, 1991 ausgesetzten Vögeln gehört und «CIC», der 1993 ausgesetzt wurde, das älteste Paar ohne Wechsel ist. Gemeinsam haben sie bei Livigno I bereits 18 Jungvögel grossgezogen (Stand 2020).
Die erste Brut im SNP erfolgte ja erst 2007 in der Val Tantermozza. Das war gleichzeitig auch das letzte Jahr, in dem Bartgeier im SNP ausgesetzt wurden.
Danach setzte man während fünf Jahren Vögel im Calfeisental, später dann weitere fünf Jahre lang auf der Melchsee-Frutt aus (Stand 2020).

 

Und jetzt, nach insgesamt 26 im SNP ausgesetzten Bartgeiern und 26 (Stand 2020) erfolgreichen Freilandbruten im SNP – wo liegt für dich die Faszination für diesen Rückkehrer?

Einerseits bin ich nach wie vor begeistert, dass es tatsächlich gelungen ist, diesen grössten Vogel der Alpen wieder bei uns heimisch werden zu lassen. Besonders schön ist, dass ich dabei mit meinem persönlichen Einsatz selbst ein wenig mithelfen konnte. Jedes Mal, wenn ich einen dieser mächtigen Vögel durch die Lüfte segeln sehe, bin ich von neuem von diesem erhabenen Anblick fasziniert. Ich hatte auch schon das Glück zu beobachten, wie ein Bartgeier einen Knochen fallen liess, um diesen am Fels zersplittern zu lassen. Etwas ganz Besonderes war das Triopaar vom Spöl, bei dem sich zwei Weibchen mit einem Männchen zusammengeschlossen hatten. Leider kann so etwas nicht funktionieren, so dass letztlich nur ein Jungvogel überlebte.
Was mich in all den Jahren aber am meisten erstaunt hat ist, dass die Vögel schliesslich ganz ohne ihre Eltern erwachsen und flugfähig wurden. Offenbar waren wir Parkwächter des SNP gute Ersatzeltern.