Prozessschutz und Biodiversität – Erkenntnisse aus dem Nationalpark

Da im Schweizerischen Nationalpark (SNP) die Lebensräume grösstenteils von menschlichen Einflüssen ungestört sind und jegliche Nutzung ausgeschlossen ist, bildet das Parkgebiet eine wichtige Grundlage für den Vergleich mit gestörten Ökosystemen. Die Frage, wie es um die Biodiversität im Schweizerischen Nationalpark steht, ist insbesondere deshalb interessant, weil hier schon seit über 100 Jahren systematische Untersuchungen zur Pflanzen- und Tierwelt (Flora und Fauna) durchgeführt werden. Diese Liste umfasst wichtige Erkenntnisse aus verschiedensten Forschungsprojekten zur Biodiversität im Nationalpark. ►Allgemeine Informationen zur Biodiversität gibt es hier
 

Überblick
Im Moment nimmt die Biodiversität im vollständig geschützten SNP tendenziell zu. Dies einerseits wegen der Rückkehr von ehemals ausgerotteten Arten wie Bartgeier, Wolf, Bär oder Fischotter, andererseits aufgrund des Klimawandels. Dieser ermöglicht es subalpinen und alpinen Arten, in grössere Höhen vorzustossen. Langfristig ist jedoch davon auszugehen, dass die klassischen, konkurrenzschwachen Höhenspezialisten durch «Allerweltsarten» verdrängt werden und damit die Artenvielfalt insgesamt abnehmen wird.
 

  • Vielfältige Lebensräume in den kargsten Landschaften: Grundsätzlich gilt: mit zunehmender Höhe sinkt die Anzahl vorkommender Arten. Nichtsdestotrotz: Hochgebirge sind aufgrund ihrer Vielfalt an Lebensräumen wichtige Hotspots der Biodiversität. Sie beherbergen zahlreiche hochspezialisierte und endemische Arten. Im SNP wurden insgesamt 2182 Pflanzen- und Tierarten nachgewiesen, potentiell könnten es aber rund 5500 Arten sein. ►Mehr erfahren 
  • Gipfelflora im Stresstest: Im SNP hat die Artenzahl auf den Berggipfeln im Vergleich zu den Erstaufnahmen vor über 100 Jahren durchschnittlich um 44 Prozent zugenommen. Dies hängt hauptsächlich mit dem Höhersteigen subalpiner und alpiner Pflanzenarten zusammen. Konkurrenzstarke «Allerweltsarten» nehmen zu. Langfristig werden sich die Gipfel in Bezug auf die Pflanzenwelt immer ähnlicher und typische Hochgebirgspflanzen könnten ihren Lebensraum verlieren oder verdrängt werden. ►Mehr erfahren
  • Vielfalt der Gewässer auf Macun: Reaktionen auf Umweltveränderungen. Im Vergleich zu Weihern im Mittelland ist die Artenvielfalt in den Seen, Weihern und Tümpeln auf Macun aufgrund der Höhenlage (rund 2600 m ü. M.) sehr gering. Allerdings gibt es auch hier Spezialisten, die nur in solchen Hochlagen vorkommen. Die gestiegenen Wassertemperaturen haben in den letzten 10 Jahren zu einer Zunahme der Arten geführt. Auch hier wird erwartet, dass langfristig die Kältespezialisten mit ihren faszinierenden Anpassungsstrategien von den wärmeliebenden «Allerweltsarten» verdrängt werden. ►Mehr erfahren
  • Zuckmücken als Indikatoren für Biodiversität: Auf der Seenplatte Macun wurden in einem Zeitraum von 2002 bis 2010 insgesamt 42 Arten von Zuckmücken (Chironomidae) festgestellt (von insgesamt rund 100 Artgruppen in den Alpen). Unter diesen 42 Arten befinden sich viele, die in anderen alpinen Einzugsgebiete nicht vorkommen. Kleine Insekten wie die Zuckmücken bilden die Basis der Nahrungspyramide und sind deshalb wichtige Indikatoren bei der Beurteilung von Auswirkungen der Klimaveränderung. ►Mehr erfahren 
  • Klimawandel und mikrobielle Biodiversität: Die Vielfalt von Mikroorganismen, also beispielsweise Bodenlebewesen, die für das blosse Auge unsichtbar sind, spielt eine grosse Rolle bei der Erhaltung eines gesunden Ökosystems. Auf den Berggipfeln des SNP weisen die Böden sehr unterschiedliche mikrobielle Gemeinschaften auf. Insgesamt konnten 10'406 bakterielle und 6'291 pilzliche Artgruppen nachgewiesen werden. Die bakterielle Diversität nimmt mit zunehmender Höhe ab, diejenige der Pilze bleibt im Wesentlichen gleich. Ob und wie sich diese Vielfalt langfristig verändert, wird zurzeit noch erforscht. ►Mehr erfahren
  • Paradies für Tagfalter: Der SNP ist beinahe ein Paradies für Tagfalter, denn hier wurden 108 Arten nachgewiesen, was mehr als der Hälfte aller in der Schweiz und rund einem Viertel der in Europa bekannten Arten entspricht (Schweiz: 201, Europa: 441 Arten). Diese Vielfalt hat sich im Schutzgebiet in den letzten 90 Jahren mehrheitlich erhalten. Die Einwanderung neuer Arten, die typischerweise in tieferen Lagen vorkommen, wurde jedoch auch im SNP bereits festgestellt. ►Mehr erfahren
  • Grosse Vielfalt alpiner Pilze: Die Vielfalt der Grosspilze (Pilze, die gut von Auge sichtbar sind) ist im SNP und seiner Umgebung mannigfaltig. Dies gilt insbesondere auch für das Gebiet oberhalb der Waldgrenze (alpine Zone). Als erster Pilzforscher überhaupt hat Jules Favre in den Jahren 1941 bis 1957 in dieser Höhenlage Untersuchungen gemacht. Insgesamt dokumentierte er über 200 verschiedene Pilzarten in der alpinen Zone und hat mit seinen Untersuchungen im SNP und Umgebung Pionierarbeit geleistet. ►Mehr erfahren
  • Hirschweiden: Zunahme der Artenvielfalt dank Prozessschutz. Die ehemaligen subalpinen Weiden im SNP werden seit dessen Gründung nicht mehr mit Vieh bestossen. Nach einigen Jahrzehnten haben die Wildtiere die Rolle des Viehs übernommen, was zu einer Veränderung der dort vorkommenden Pflanzenarten geführt hat. Es entstanden sogenannte Kurzrasen, die auf den ersten Blick an Golfrasen erinnern. Doch diese Kurzrasen sind erstaunlich vielfältig! Mit dem Wechsel von der Vieh- zur Hirschweide hat die Pflanzenvielfalt in diesen Bereichen der Alpflächen deutlich zugenommen. Auf einigen Flächen wachsen heute bis zu dreimal mehr Arten als zur Zeit der Parkgründung. ►Mehr erfahren
  • Hochrasen und Fieder-Zwenke: Abnehmende Artenvielfalt. Nebst Kurzrasen dominieren auf ehemaligen subalpinen Weiden im SNP (z.B. Alp Stabelchod) sog. horstbildende Pflanzenarten. Sie konnten sich in der Zeit nach der Parkgründung und vor der Zunahme der Rothirschdichte ausbreiten. Auch die Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum) gehört dazu. Mit der Ausbreitung dieser Gräser hat die Vielfalt an Pflanzenarten innerhalb der Grashorste deutlich abgenommen. Zu Zeiten der Alpwirtschaft war die Diversität jedoch nicht grundsätzlich grösser. Langfristig werden diese Hochrasen, zumindest unterhalb der Baumgrenze, von der Bergföhre (Pinus mugo) verdrängt werden. ►Mehr erfahren
  • Invasive Arten: Bedrohung im SNP? Im Schweizerischen Nationalpark sind alle natürlichen Prozesse geschützt. Doch der SNP ist keine Insel. Entwicklungen in der Umgebung des SNP beeinflussen auch das Schutzgebiet. Wie wird mit nicht einheimischen Arten umgegangen, die durch den Menschen – wohl unabsichtlich – in den Park gelangen? Diese Frage kann nicht abschliessend geklärt werden und wird uns in Zukunft möglicherweise vermehrt beschäftigen. Zurzeit werden Vorsorgemassnahmen und Aufklärung betrieben. ►Mehr erfahren
  • Vielfalt innerhalb und ausserhalb des SNP: Ein Vergleich. Schaut man sich die funktionelle Diversität an (vgl. ►Begriffsklärung) zeigt sich für den SNP und seine Umgebung: Die Kombination aus extensiven Bewirtschaftungsformen ausserhalb des Parks und dem vollständigen Verzicht auf Nutzung innerhalb des Parks führt zu einem regionalen Ökosystem, in welchem die Pflanzen verschiedenste Überlebensstrategien entwickeln können und müssen. Durch die Vielfalt an Pflanzeneigenschaften und Beziehungsnetzen entsteht ein besonders anpassungsfähiges und funktionstüchtiges Ökosystem. ►Mehr erfahren 
  • Artenvielfalt ausserhalb des SNP: intensive und extensive Nutzung in der Biosfera. Wer durch intensiv genutzte Landschaften wandert, den erstaunt dies kaum: Intensive Düngung fördert einige wenige Arten, welche die anderen Pflanzenarten überwuchern. In der Folge entstehen artenarme, wenig anpassungsfähige Ökosysteme. Ein Vergleich zwischen naturbelassenen, gedüngten und mittels Zäunen vor grossen Pflanzenfressern geschützen Flächen in der Biosfera Val Müstair hat gezeigt: Auf gedüngten Flächen nahm die Anzahl Arten zwischen 2008 und 2018 um 36 Prozent ab, bei gedüngten und eingezäunten Flächen sogar noch stärker, nämlich um 63 Prozent. ►Mehr erfahren
  • Dynamische Prozesse zulassen: Entstehung neuer Lebensräume. Der Prozessschutz im SNP führt dazu, dass sich die Lebensräume auf natürliche Art immer wieder grundlegend verändern können. Kurzfristig können Ereignisse wie Lawinen oder Murgänge Pionierarten begünstigen und damit regional die Biodiversität erhöhen. Langfristig werden sich wahrscheinlich aber auch in diesen Lebensräumen konkurrenzstarke Generalisten durchsetzen – zumindest so lange, bis das nächste Ereignis geschieht. ►Mehr erfahren 
  • Künstliche Hochwasser im Spöl: Rückkehr zu vielfältigem Lebensraum. Seit 1970 wird der Spöl, obwohl er teilweise im SNP liegt, von den Engadiner Kraftwerken EKW für die Stromproduktion aus Wasserkraft genutzt. Dank künstlichen Hochwassern (jährlich, seit 2000) konnte die Dynamik des Flusses wieder deutlich derjenigen eines Gebirgsbaches angenähert werden. Seither hat der Anteil gebirgsbachtypischer Arten, wie beispielsweise der Eintags- und Steinfliegenlarven, deutlich zugenommen und Fische wie die Bachforelle (Salmo trutta fario) finden bessere Laichbedingungen vor. ►Zur Literatur 
    ►Zum aktuellen Forschungsprojekt


Ausblick:
Lebensräume mit hoher Biodiversität, sprich Lebensräume mit einer Vielfalt an Arten, Überlebensstrategien und Beziehungsnetzen, sind in der Regel anpassungsfähiger und funktionstüchtiger als artenarme Lebensräume.
Die Vielfalt an Leben kann sich in grossen, naturbelassenen Gebieten besonders gut entwickeln. Der Schweizerische Nationalpark gilt in diesen Zusammenhang als ein erstrangiges Reservoir an Tier- und Pflanzenarten für die Region. Der strenge Prozessschutz im SNP schafft die Grundlage für einen dynamischen Lebensraum, in dem sich die Natur frei entwickeln kann. Die obige Liste der Forschungsresultate zeigt, dass der Prozessschutz im SNP insgesamt zu einer positiven Entwicklung der Biodiversität beiträgt. Die Grenzen zwischen dem Park und seiner Umgebung sind jedoch fliessend. Die Vielfalt innerhalb des Parks ist stark von derjenigen ausserhalb beeinflusst. Der Klimawandel und die Einwanderung invasiver Arten machen an den Grenzen des SNP nicht halt.
Naturbelassene Gebiete wie der SNP sind mittlerweile selten geworden und liegen über die ganzen Alpen verstreut, oft zerschnitten. Zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität ist jedoch ein verbundenes Netzwerk von ökologisch wertvollen Flächen mit einer Vielzahl an verschiedenen Arten und Überlebensstrategien zentral. Die Vielfalt der Lebensräume muss deshalb über die Grenzen des Schweizerischen Nationalparks und anderer Schutzgebiete hinaus gehen, Netzwerke und Kooperationen sind für den Erhalt und die Förderung der Biodiversität besonders wichtig. Dabei sind die aktive Unterstützung und Mitverantwortung der Bevölkerung wichtig.

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►Antworten auf die Frage: Was ist Biodiversität überhaupt?
►Infos zu aktuellen Forschungsprojekten im SNP & Umgebung finden Sie hier