Geschichte der Cluozzahütte

Val Cluozza: Wiege des Schweizerischen Nationalparks

Die Val Cluozza mit ihren Seitentälern ist der Inbegriff von Wildnis. Nur der Wanderweg und die Cluozza-Hütte deuten auf menschliche Präsenz. Die Gründungspioniere des Nationalparks hatten sich zum Ziel gesetzt, ein Stück ursprüngliche Naturlandschaft vor menschlichen Einflüssen zu bewahren und die langfristigen Entwicklungen zu studieren. Dafür ist die Val Cluozza wie geschaffen.
Der Basler Paul Sarasin war 1908 Präsident der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft und auf der Suche nach einem geeigneten Nationalparkgebiet. Anlässlich einer zufälligen Begegnung im 
Hotel Parc Naziunal Il Fuorn lenkte der Einheimische Steivan Brunies das Interesse der Vettern Fritz und Paul Sarasin auf die Val Cluozza. Noch im selben Jahr richtete die Naturschutzkommission ein erstes Gesuch an die Gemeinde Zernez. Die Idee konnte innert kürzester Zeit in die Tat umgesetzt werden: Am 11. November 1909 stimmte die Gemeindeverssammlung von Zernez der Abtretung der Val Cluozza mit 47 zu 2 Stimmen zu. Am 1. Dezember 1909 hat die Gemeinde den Vertrag mit der Schweizerischen Naturschutz-Kommission unterschrieben und die Val Cluozza für 25 Jahre als Naturreservat verpachtet. Zur Finanzierung des Nationalparks wurde der Schweizerische Bund für Naturschutz als „Ein-Franken-Verein“ gegründet. Dies war der Auftakt zur Gründung des ersten Nationalparks der Alpen und Mitteleuropas. Offizielles Geburtsdatum des Nationalparks ist der 1. August 1914.

Anfänge der Cluozza-Hütte
Die erste Cluozza-Hütte wurde bereits 1910 durch Curdin Grass aus Zernez erstellt. Diese diente sowohl als Unterkunft für die Parkaufsicht wie auch für Wandergäste. Sie bot 10 Betten und 20 einfache Schlafplätze im Heu. Als erster Parkwächter wohnte dort während des Sommers Hermann Langen mit seiner Familie.
Eines der wohl berühmtesten Bilder der Chamanna Cluozza ist jenes vom Juli 1913, als eine parlamentarische Kommission es sich nicht nehmen liess, das Gebiet persönlich zu besuchen. Trotz Schnee und Hagel setzten sich diese Persönlichkeiten in Bern für die Gründung des ersten Nationalparks der Alpen ein.

Einer der Gründer des Schweizerischen Nationalparks, Steivan Brunies, beschreibt das Blockhaus Cluozza um 1920 folgendermassen:
Das einfache Häuschen mit seiner guten Bewirtschaftung ist ganz den Verhältnissen einer Reservation angepasst und erschwert von vornherein den unerbetenen Besuch jener Sorte von Sommerfrischlern, die aus anderen Gründen als denen stillen Naturgenusses unsere Berge im Sommer überflutet. Zur Regelung des Betriebes, sowie namentlich für den Fall regen Besuches, wurde eine Hausordnung erlassen. Neben 10-12 Betten sind noch gegen 20 einfache Schlafstellen auf dem Heu oder in einem aufzuschlagenden Zelt vorhanden
Brunies, Steivan (1920): Der Schweizerische Nationalpark. Benno Schwabe & CO., Basel.

In den kommenden Jahrzehnten wurde die Hütte immer wieder um- und ausgebaut. Die umfassendste Rennovation erfolgte im Jahr 1993. Nebst einer allgemeinen Rennovation wurden dabei eine biologische Kläranlage und neue WC- und Waschanlagen erstellt, die Energiebilanz mit einer kleinen Wasserturbine optimiert und im Pavillon eine kleine Ausstellung installiert. Am 26. Juni 1994 wurde die Hütte im Beisein einer grossen Schar von Gästen wieder eröffnet.
Im Rahmen der letzten Rennovationen 2007 und 2012 wurde ein Ablenkdamm errichtet, die Vorratskammer vergrössert sowie die energietechnischen Anlagen optimiert. Zudem wurde die Ausstellung im Pavillon umfassend erneuert.

Weitere historische Informationen zur Val Cluozza:
Steivan Brunies äussert sich auch über die frühere Nutzung der Alp Murter:
Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden auf dieser guten Weide die 50-60 Zeitkühe von Zernez gesömmert Bei plötzlichem Schneefall flüchteten sie sich nach der Talsohle von Cluozza hinunter, wo auf Grass da Cluozza früher eine Hirtenhütte stand. Nach den Angaben alter Zernezer bewirkte das vortreffliche Futter dieses Bergrückens jene bei den Viehhändlern so sehr beliebte Kräuselung des „Berghaares“.
Der grösste Nachteil dieser Alp war jedoch neben dem erschwerten Zugang der Wassermangel. Leider sind hier nur zwei kleine Quellen vorhanden, die übrigens noch häufig eintrocknen. Im Jahre 1885 trugen vier Zernezer die zum Bau eines Brunnentroges nötigen Bretter hinauf. Diese mühselige Arbeit wurde damals mit 12 Franken belohnt! Wegen der Blitzgefahr – einst wurden hier nicht weniger als 7 Zeitkühe vom Blitz erschlagen – und weil mitunter das Vieh sich verstieg und abstürtzte, wurde die Alp später an Bergamasker Hirten verpachtet. Ein Platzwechesl des Viehes war jedesmal mit Schwierigkeiten verbunden. Die Bestossung geschah stet auf dem umständlichen Weg über Praspöl.

So weit Steivan Brunies. Im Buch Der Bär in Graubünden erfahren wir näheres über eine Bärenjagd in der Val Cluozza:

Bärenjagd in der Val Cluozza
, erzählt von Curdin Grass über seinen Grossvater Gion Pitschen Toutsch und dessen Bruder Dumeng:
Auf den Schuss fällt der Bär aus dem Loch, überstürtzt sich und fällt in eine Schlucht hinunter. Zu gleicher Zeit kommen aus dem besagten Loch aus Legföhren zwei niedliche Junge. Dies gewahrend, ruft G. P. Toutsch seinem Bruder Dumeng, er solle schnell hinaufspringen und danach trachten, die Jungen lebendig zu fangen, er wolle nach dem Laden der Waffe die alte Bärin, denn eine solche war es, aufsuchen. Kaum ist der Bruder in die Nähe der Jungen gekommen, so sürtzt sich die alte Bärin von der Seite her gegen ihn. G. P. Toutsch, der gerade geladen hat, schiesst auf die Bärin; diese gewahrt, woher der Schuss kommt und springt direkt auf ihn los. Zum Laden hat er keine Zeit, er springt hinter den Stumpf eines gefallenen Baumes und sucht sich durch Schreien und Schwingen des Stutzens das Tier vom Leibe zu halten. Einige bange Minuten vergehen, bis die Bärin sich entfernt, nachdem sie den G. P. Toutsch angebrüllt, die Zähne gefletscht und den blutigen Schaum ihm an die Kleider geworfen hat. Der Bruder Dumeng, der wieder geladen hatte, war vor Schreck so gelähmt, dass er weder dem Bruder zu Hilfe eilen, noch die Jungen fangen konnte. Als die Bärin, abwärts springend, verschwunden war, fing es auch zu nachten an, und mit Grauen verliessen die zwei Brüder das Tal. (...) Im Frühjahr darauf wurde die nämliche Bärin und ein Junges (...) in Tantermozza erlegt.